Und auf geht’s – Das Tanzensemble der TU Dresden wird 60 Jahre alt
Veröffentlichung in der DNN vom 18.11.2010

Mittwochs wird getanzt in den Räumen der Alten Mensa auf dem Dresdner Campus. Tanzschritte und Klänge mögen etwas ungewöhnlich erscheinen, es wird nicht gerockt, es werden auch nicht die angesagten Sounds gemixt, mittwochs und einmal im Monat auch am Wochenende beherrscht die Folklore den Raum. Das sind die Probenzeiten des Folkloretanzensembles „Thea Maass“ der TU Dresden. Die letzten Proben waren besonders intensiv, denn am 20. November steigt im Kulturhaus Freital die große Jubiläumsfeier, das Ensemble wird 60.

Ich besuche eine Probe für das Galaprogramm, das am Nachmittag des Festtages, 14 Uhr, stattfindet. Zwanzig Tänzerinnen und Tänzer bei den Einstiegsübungen und Lockerungen. Das muss sein. Jeder kommt von woanders her in die Probe, manche von zu Hause, andere haben es gerade geschafft, vom Büro weg in die Uni oder auch nur von einem Gebäude ins andere. Hier tanzen .Amateure, aber der Tanz, die Folklore speziell, ist für sie weit mehr als ein Hobby. Sonst hätten sie es nicht so weit gebracht. Immerhin sind die Dresdner in Deutschland auf ihrem Gebiet ganz weit oben, und auch im internationalen Vergleich schneiden sie immer wieder gut ab. Die Liste der Auszeichnungen und Preise ist lang. Also ran an die harte Probenarbeit.

Die Anweisungen der Choreografin Maud Butter, die zusammen mit Gerd Hölzel das Tanzensemble leitet, sind deutlich. Immer wieder, und noch mal, und eins, und zwei, und drei und vier und stehen! Und ab und ab und alle in die erste Position. Dann kommen erste Kombinationen, einzeln, zu zweit, in der ganzen Gruppe, Sprünge, Drehungen. Auf einmal springt der Funke über. Die ganze Truppe kommt in Fahrt, der Raum ist voller Energie, und ab in einem wilden Galopp, ab in die Luft.
Ganz schön lebendig geht es zu im 60-jährigen Ensemble, das seit 1990 den Namen „Thea Maass“ trägt, die es von 1969 bis zu ihrem Tod 1989 leitete und prägte. Thea Maass hatte bei Mary Wigman in Dresden studiert, dann als Tänzerin und Choreografin gearbeitet und sich seit den 50er Jahren der Folklore gewidmet. Da hat sie manches bewahren können, anderes wiedergefunden, rekonstruiert und aufführbar gemacht.
 Die wichtigsten ihrer Choreografien, in denen es ihr darum ging, die Persönlichkeiten der Tänzer in den Mittelpunkt zu stellen, werden von den Dresdnern getanzt, selbstverständlich auch zum Jubiläum am 20. November.

Bevor sich die Probe einem solchen Tanz widmet, Umbesetzungen und Korrekturen halten die Kreationen lebendig, wird die Gruppe noch mal wesentlich größer. Seit einigen Jahren nimmt das Interesse an der Folklore im Tanz wieder zu, so gibt es neben dem Ensemble noch eine studentische Gruppe, die sich dieser „Exotik“ in der Uni für die Dauer des Studiums gerne widmet. Die gemeinsame Probenphase dient dem Kennenlernen und nicht zuletzt der Nachwuchsgewinnung.
 Da ist derzeit eigentlich kein Mangel. In der Pause treffe ich Raphael und Ben, 20 und 17 Jahre alt, Mathematik- und Physikstudent der eine, Gymnasiast der andere. Mit dem Tanz sind sie früh in Berührung gekommen und gerne dabei geblieben. Raphael hat mit vier Jahren angefangen, gute musische Früherziehung, Ben mit fünf, die Eltern hatten 30 Jahre im Uni-Ensemble getanzt. Klar, weder Rock’n’Roll noch Breakdance oder Beat sind für sie Fremdworte, ganz im Gegenteil, da schneiden sie auch nicht schlecht ab auf der Party, aber der Spaß, die Arbeit, der Erfolg in der Gruppe, den Zusammenhalt nicht zu vergessen, das macht die Sache hier nicht nur anders, sondern auch wesentlicher fürs Leben.

Christin (37) und Eike (40) könnte sich ihr Leben ohne Tanz im Ensemble auch nicht vorstellen. Beide sind seit 1992 dabei, beide Absolventen der Dresdner Uni, Sozialpädagogin und Ingenieur für Wasserwirtschaft. Da ist es nicht immer leicht, die Zeit freizuschlagen, aber wenn sie dann da sind, in der Probe, wenn es abgeht, dann mag der Tag noch so problematisch gewesen sein, geschenkt und vergessen. Natürlich zählt das Adrenalin bei den Auftritten, die Feier danach und vor allem die Eindrücke und Erlebnisse bei den vielen Festivals und Gastspielen, inzwischen in ganz Europa und in den USA.

Die Pause ist vorbei. Die Pflicht ruft, eine Mazurka wird einstudiert. Und wieder der spannende Prozess, noch einmal, noch einmal, noch einmal, und dann, inzwischen ist die Zeit auch vorangeschritten, auf einmal nimmt der Rhythmus alle mit in gleicher Weise.
 Wer das Ergebnis sehen will, zur Jubiläumsgala steht die „Neckmazurka“ auf dem Programm, zusammen mit anderen Höhepunkten der choreografischen Folklore aus 60 Jahren. Das Neue hat auch seinen Platz, dafür sorgen die jüngsten Gratulanten, der Nachwuchs aus den Kindertanzgruppen.

Und nach der Feier? Da wird sich zeigen, was der Tanz vermag. Die Uni will sich vom Ensemble trennen, über Kooperationen muss man verhandeln. Die Vereinsgründung, bzw. die Installation einer Rechts- und Existenzform könnte anstehen. Hauptsache der Tanz geht weiter. Das Marketingmotto für Dresden im kommenden Jahr heißt „Dresden in Bewegung“.

Boris Michael Gruhl

Das TUTE – 60 Jahre
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